„Christnacht“ – Worte des Komponisten

„Christnacht“ von Joseph Haas – Adventskonzert des Ensemble Kreuzer am Samstag, 16.12.2017 um 17 Uhr in der Schlosskapelle Fockenfeld

Worte des Komponisten Joseph Haas:

Wie und warum mein Weihnachtsliederspiel entstand

Die deutsche Weihnachts-Chorliteratur besitzt hochragende Schöpfungen. Werke wie die Weihnachtsoratorien von Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach sind wahrhaft volkstümlich, aber in der vollendeten Ausführung nur auserlesenen Chorvereinigungen erreichbar. An abendfüllender Weihnachtsmusik, die den „hohen Stil“ meidet und doch künstlerische Haltung hat, ist aber ein Mangel. Schon lange trug ich mich daher mit dem Gedanken, hier Abhilfe zu schaffen. Nichts lag näher, als die altbekannten lieben weihnachtlichen Volksweisen zu einem einheitlichen Liederspiel zu vereinen. Als ich den Plan durchdachte, wurde es mir klar, dass sich nur solche Melodien, die der gleichen Landschaft angehören, zu einem stilistisch einwandfreien Organismus verbinden können. Der mir befreundete Münchner Gesangspädagoge, ein gründlicher Kenner süddeutscher Volkskunst, Professor Anton Schiegg, machte mich auf den kostbaren Schatz der bezaubernden oberbayerischen und Tiroler Krippenlieder aufmerksam. Die unerhörte Ausdruckskraft der zwar holprigen und unbeholfenen Textworte, ihr einzigartiger Bilderreichtum, die äußerliche Härte und Derbheit und die innerliche Zartheit und Beschwingtheit der Sprache haben es mir ebenso angetan, wie die unbeschreibliche melodische Schönheit der Tonweisen und die Vielfältigkeit ihrer Formgebung. Hier haben wir stilechte Kunst süddeutschen Bauernbarocks!

Die Zusammenstellung und Umformung der Textworte gab nach kurzer Überlegung eine logisch aufgebaute Handlung. Sie bedurfte nur noch durch Einfügung einiger Instrumentalsätze einer Ergänzung. Das Spiel sollte wie ein musikalisches Bilderbuch wirken, das die uns so traut anheimelnden Figuren und Begebnisse weihnachtlichen Geschehens aufzeigt. An plastischen Vorbildern fehlte es mir nicht: Das bayerische Nationalmuseum birgt ja die weltberühmte Krippensammlung. Auch sie weist köstliche Typen von Schalmeienspielern, bäuerischen Tänzern, wundersame Darstellungen von Engelsreigen und vom Anmarsch der Heiligen Drei Könige auf. Um die Phantasie des Hörers auf das Wesentliche meiner musikalischen Krippenbilder zu lenken, benötigte ich noch verbindende Textworte. Sie entstammen der stets hilfsbereiten Feder meines Freundes und Mitarbeiters Wilhelm Dauffenbach.

Bei der kompositorischen Durchführung meines Weihnachtsliederspiels brauchte ich mir über dessen stilistische Haltung keine Gedanken zu machen: Der süddeutsche Barockcharakter musste gewahrt, das musikalische Volksgut, das meinen künstlerischen Zwecken dienen sollte, in seiner ganzen Reinheit erhalten bleiben. Die Verarbeitung der Liedmelodien erstreckte sich daher immer nur auf die künstlerische Interpretation, und zwar durchaus im Sinne des Zeichnerischen, Stilisierten, nie im Sinne des Tonmalerischen, Programmatischen. Meinen Ansichten kam die Form der Variation am meisten entgegen. Stets wurde aber nur das Gewand, niemals das festumrissene Gesicht und die unantastbare Gestalt der Melodie einer Veränderung unterzogen. Das süddeutsche Krippenspiel sollte in meinem Werke triumphieren, nicht mein Kunstverstand; er sollte sich ihm beugen. Dem gemäß durften die Melodien auch keine Prunkgewänder tragen. Die altbayerische Krippe kennt auch nur geigende, flötende, schalmeienspielende, horntutende und harfenleiernde Englein als Musikanten. Wenn ich in mein „himmlisches Orchester“ das vielgelästerte Klavier mit aufgenommen habe, so verzeihe man mir diese klangliche Stilunebenheit. Der Klavierklang ersetzt den Harfenklang und – ich spreche jetzt pianissimo – überbrückt sehr taktvoll manche etwaige „Unebenheit“ der Ausführungen meines Werkes durch Musikliebhaber. Für Musikliebhaber habe ich das Werk aber vor allem geschrieben.

 

(Joseph Haas: „Reden und Aufsätze“, B. Schott’s Söhne, Mainz, 1964, S. 66 f.)